Dresdner Premieren und Previews
Coming of Age – Erwachsenwerden in Osteuropa
Sonderveranstaltungen
Kinder-/Familienfilme
Special: Coming of Age – Erwachsenwerden in Osteuropa

Erwachsenwerden – was für eine schreckliche schöne Zeit. Man ist nicht mehr Kind, aber die Erwachsenen halten einen auch noch nicht für ebenbürtig. Der Körper verändert sich, die Synapsen spielen verrückt, einen Moment ist man tieftraurig, im nächsten Moment kichert man ohne Grund und ohne Luftzuholen. Es passiert alles auf einmal oder nichts. Vieles passiert zum ersten Mal – aufregend, schön, beängstigend oder alles zusammen.
Unter dem Begriff Coming-of-Age-Film versteht man Filme, in denen Jugendliche als Hauptfiguren erstmals mit grundlegenden Fragen des Heranwachsens oder starken Emotionen konfrontiert und in der Auseinandersetzung mit diesen langsam erwachsen werden. Oft dreht sich die Handlung um familiäre oder individuelle Konflikte, um Sexualität, Geschlechterrollen, Auflehnung, Meinungsbildung und andere moralische wie emotionale Herausforderungen, denen junge Menschen in der Pubertät begegnen.
In diesem Jahr haben wir uns diese spannende Zeit im Leben herausgesucht, um zu zeigen, welche Themen und Fragen Jugendliche in den osteuropäischen Ländern bewegen und wie dies filmisch umgesetzt wird. Es ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus einem großen Panorama. Abgerundet mit einem spannenden Vortrag des Instituts für Slavistik trifft er hoffentlich das Interesse von jungen und junggebliebenen Menschen.

Coming of Age Special am 12.11. 19:30 Uhr Vortrag mit Filmausschnitten und Publikumsgespräch:
Lebenswelten des тинейджер (Teenager) zwischen Anpassung und Ausbruch
Ilona Kunkel und Anton Schmidt, Institut für Slavistik der TU Dresden

21:00 Uhr Film im Anschluss: „When the trees fall“
Eintritt komplett: 8 €    Bitte vorbestellen: 0351/4244860

When the trees fall
(Коли падають дерева)
  Ukraine/Polen/Nord-Mazedonien 2018, 88 min, OmU + OmeU, Regie: Marysia Nikitiuk

Es sind Sommerferien und 40 Tage sind vergangen, seit Larysas Vater gestorben ist. In einer märchenhaften Sequenz durchquert die junge Frau ein Sumpfgebiet, in dem sich eine Gruppe von Paaren ihren sexuellen Begierden hingibt. Larysas Freund Scar, ein schöner Krimineller, steckt in einer Spirale des Verbrechens, in die er sich im Laufe der Erzählung immer weiter und radikaler hineinbegibt. Seine Welt sind die postsowjetischen Plattenbauten, Larysas Welt ist die trügerische Idylle einer dörflichen Gemeinde irgendwo in der Ukraine. Ihr Verhältnis wird Larysa zum Verhängnis, denn es dauert nicht lange, bis familiäre Sanktionen gegen die Beziehung in Gewalt umschlagen.
In der Dorfgemeinschaft wiegen traditionelle Werte und die Meinungen anderer Menschen schwer, denen hat schon Larysas Großmutter ihre Liebe zu einem jungen Zigeuner geopfert. Vitka, ein kleines Mädchen, will sich nicht anpassen, rebelliert gegen ihre Großmutter und deren Regelwerk und träumt sich immer weiter in eine Fantasiewelt aus surrealen Bildern.
Die Welt in Marysia Nikitiuks Langfilmdebüt scheint wie unter Strom, brutal in ihrer Wirklichkeit und betörend, sobald sie ins Fantastische umschlägt. Die Regisseurin und Autorin gilt als wilde neue Hoffnung des ukrainischen Films und gewann für das Drehbuch zu dem Film bereits den ScripTeast Award in Cannes.

Deutsche Untertitelung: Institut für Slavistik, TU Dresden

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The Erlprince
(Królewicz Olch)
  Polen 2016, 101 min, OmU, Regie: Kuba Czekaj

Dass Goethes „Erlkönig“ zu den bedeutendsten Werken des „Sturm und Drang“ zählt, ist unstrittig. Wir freuen uns, mit „The Erlprince“ den polnischen „Generation 14plus“-Beitrag zur Berlinale 2017 vorstellen zu können.
Sie werden diesen Film vermutlich nicht im regulären Kinoprogramm erleben können.
Ein außerordentlich begabter 14-Jähriger arbeitet an seiner eigenen Theorie über Parallelwelten, die durch Licht verbunden seien. Leider ist kaum jemand in der Lage, seine Ideen zu erfassen. Am allerwenigsten seine Mutter – zu sehr mit sich selbst als auch damit beschäftigt, über ein Preisgeld zu fantasieren, welches in einem Wettbewerb ausgelobt wurde. Und sein plötzlich aufgetauchter Vater? Ein Unbekannter, ein Wilder? Menschen, aus unterschiedlichen Welten. Der „Junge“ ist überzeugt, irgendwie sind auch parallele Welten miteinander verbunden und es ist möglich, von einer zur anderen überzugehen. Aber es bleibt nicht viel Zeit: Laut dem Propheten des Universums sind es nur noch zwölf Tage bis zum Ende der Welt.
Eine Welt aus starken, teilweise verstörenden Bildern, ein Verweis auf den deutschen Dichter, eine Achterbahn zwischen Kindheit und Erwachsensein. Und wenn man auf der Suche nach dem Verständnis dieser Geschichte, dieser Zeit, wieder bei Goethe landet und sich fragt, was dessen „Erlkönig“ mit Adoleszenz zu tun haben könnte, ist die Reise noch nicht zu Ende...

Deutsche Untertitelung: Institut für Slavistik, TU Dresden

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Little Bird
(Птичка)
  Russland 2015, 90 min, OmU + OmeU, Regie: Vladimir Beck

Es ist ein heißer unbeschwerter Sommer. In einem Camp am Fluss tummeln sich Kinder und Jugendliche. Sie genießen die Freiheit, das zwanglose Treiben ohne Pflichten, die Auszeit von Schule und Eltern. Fußball, Schwimmen, Lagerfeuer und Musik bestimmen das Lagerleben, für Dima und Lenta wird dieser Sommer zudem zum Abschied von ihrer Kindheit.
Dima sondert sich von den Gleichaltrigen ab und verliebt sich in die neue Betreuerin Rita. Sie ist nur wenig älter und jobt während des Sommers im Camp. Rita hat jedoch nur Augen für ihren Kollegen, den jungen Trainer Pasha, den wiederum das Mädchen Lenta anhimmelt. Die beiden Älteren nehmen die begehrlichen Blicke der Jüngeren nicht wahr, sind ganz mit sich und ihren Gefühlen beschäftigt. Dima und Lenta verzweifeln an dieser Nichtbeachtung, ziehen sich enttäuscht zurück und bilden eine Leidensgemeinschaft. Sie erfahren ihre ersten Lektionen über Liebe und Verlust.
Mit nur 23 Jahren hat Vladimir Beck eine so alltägliche und dennoch höchst poetische Geschichte vom Ende der Kindheit gedreht, der man anmerkt, dass der Regisseur noch sehr nah an den Empfindungen seiner Protagonisten dran ist. Er entrückt das Camp als Ort des Übergangs dem Alltag und schafft eine magische Atmosphäre, die auf uns Zuschauende überspringt. Alles ist möglich in diesem leichten, schwebenden Film. Auch das Wunder der Liebe.

Deutsche Untertitelung: Institut für Slavistik, TU Dresden

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Alice T.
(Alice T.)
  Rumänien/Frankreich 2018, 105 min, OmU, Regie: Radu Muntean

Die 16-jährige Alice ist ein lebensfroher Wirbelwind mit feuerrotem Haar und immer einem frechen Spruch auf den Lippen. Eine typisch rebellische Teenagerin, könnte man meinen, die sich wild und fluchend gegen die Erwachsenenwelt auflehnt. In der Schule gibt es nur Ärger, das Verhältnis zu ihrer Adoptivmutter ist angespannt und in der Liebe läuft es auch sehr chaotisch. Jetzt ist Alice schwanger und möchte das Kind behalten. Als ihre Mutter das herausfindet, sind Konflikt und Tragik vorprogrammiert, und Alice verstrickt sich in selbst gesponnenen Lügen.
Die Problematik Teenager-Schwangerschaft und Abtreibung werden im Film vom rumänischen Regisseur Radu Muntean völlig klischeefrei umgesetzt. Herausgekommen ist ein aktueller Film, der den Alltag und die Lebensumstände einer Mittelschichts-Patchworkfamilie im heutigen Rumänien zeigt, aber ebenso auf eine andere europäische Familie projiziert werden könnte.
Muntean beweist große Sensibilität bei der Charakterdarstellung der Protagonistin, die sowohl machtlos gegenüber ihrer Situation, ihrer Umwelt und ihren Gefühlen ist, als auch einen starken Willen besitzt und ihre Zukunft selbständig in die Hand nimmt. Vor allem aber überzeugt der Film in der Konstruktion eines tief komplexen Familien- und Beziehungsnetzes.

Deutsche Untertitelung: KinoFabrik e.V.

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Mellow Mud
(Es esmu šeit)
  Lettland 2016, 111 min, OmU, Regie: Renārs Vimba

Niemand darf vom Tod ihrer Großmutter erfahren. Um der staatlichen Fürsorge zu entgehen, vergraben die 17-jährige Raya und ihr jüngerer Bruder die Frau, bei der sie aufgewachsen sind, im Garten der heimischen Apfelplantage und bemühen sich, nicht aufzufallen. Doch das Aufrechterhalten der Lüge fällt den Geschwistern immer schwerer und immer wieder müssen sie den Erkundigungen einer Sozialarbeiterin ausweichen.
Raya organisiert alleine das tägliche Überleben für sich und ihren Bruder und setzt alle Hoffnung in die nach England ausgewanderte Mutter, die die beiden nach dem Tod des Vaters bei der Großmutter zurückgelassen hat. Rayas frühes Erwachsenwerden wird begleitet von ihrem ersten Verliebtsein. Heimlich beginnt sie eine Affäre mit ihrem jungen Englischlehrer, der ihr auf der Suche nach der Mutter einen Weg nach London ermöglichen soll.
Regisseur Renārs Vimbas starker Debütfilm „Mellow Mud“ ist ein ruhiges und trotzdem aufwühlendes Coming-of-Age-Drama über zwei Geschwister, die alles tun, um das letzte bisschen Heimat und Familie, das ihnen noch geblieben ist, bewahren zu können. Trotz der erdrückenden Verantwortung verliert die entschlossene Protagonistin dabei nie ihre Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft. Unter den vielen Auszeichnungen für den Film ist auch der Gläserne Bär der Berlinale für den besten Film der Reihe „Generation 14plus“.

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