Dresdner Premieren
Perspektivwechsel
Zu Gast: Slowakei im Kino
Tribute to Frank
Die Sonne über mir geht nie unter
(Надо мною солнце не садится)
Russland (Jakutien) 2019, 119 min, OmU, Regie: Lyubov Borisova

Eröffnungsfilm – präsentiert von der Ostsächsischen Sparkasse Dresden

Altan verbringt den ganzen Tag im Internet und träumt davon, ein YouTube-Star zu werden. Schließlich hat sein Vater genug davon und schickt den Sohn für einen Monat auf eine Insel im Eismeer, um dort Polarfüchse zu hüten. Allein mit sich und Satelliten-Internet auf einer einsamen Insel? Nicht ganz. Altan begegnet dort Baibal, einem alten Mann, der seine Familie verloren hat und seine letzten Tage auf der Insel verbringen will. Trotz unterschiedlichem Alter und Lebenswelten ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Der Jüngere lernt zu verzeihen und Wünsche nicht aufzuschieben, der Ältere Begriffe wie „Follower“ und „Likes“. Jeden Abend verabschiedet sich Baibal zum Sterben und Altan hält ihm stets entgegen: „Bis morgen!“
Am Ende der Welt (zugegeben ist es nicht mehr Osteuropa) entspinnt sich eine bewegende Geschichte, die Spaß macht und zu Herzen geht und für einen magischen Moment mit ihren Protagonisten vom kargen Boden der Tundra abhebt. Der vermeintliche Rückzugsort im hohen Norden wird zum Ort einer ungewöhnlichen Begegnung. Altan und Baibal lernen voneinander und lachen gemeinsam. Und wir mit ihnen. – Im Kino gewesen und vor Glück geweint, vielleicht nicht immer vor Lachen.

Deutsche Untertitelung: KinoFabrik e.V.

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Via Carpatia
(Via Carpatia)
Polen/Tschechien/Nord-Mazedonien 2018, 75 min, OmU, Regie: Klara Kochańska, Kasper Bajon

Piotr und Julia sind ein Paar der modernen Gesellschaft: Designer-Küche, gutes Essen, eingebunden in ihre Jobs. Kinder haben sie nicht, nur eine Schildkröte. Sie leben mehr nebeneinander als miteinander, aber sie wollen gemeinsam in den Urlaub in den Süden. Die Nachrichten über die Flüchtlingsströme im Jahr 2016 sind für sie weit weg, werden überlagert von der Fußball-EM und vom neuen US-Präsidenten Donald Trump. Kurz vor der Abreise kommt Piotrs Mutter mit einer überraschenden Bitte zu ihnen und offeriert viel Geld als Überzeugungshilfe: sie sollen den syrischen Vater von Piotr aus einem Flüchtlingslager an der griechisch-mazedonischen Grenze nach Polen schleusen. Der Sohn hat diesen Vater noch nie gesehen, interessiert sich auch nicht für ihn. Aber den Wunsch der Mutter kann er nicht ablehnen. All-inclusive-Urlaub adé? Piotr und Julia brechen auf in den Süden, Angst und Zweifel über ihr Tun sind mit an Bord. Je felsiger das Land wird, umso holpriger wird ihre Reise.
Wir bleiben in diesem stellenweise improvisierten Roadmovie ganz nah bei den beiden eigentümlich unemotionalen Protagonisten, die der Flüchtlingsbewegung fast ebenso unbeteiligt gegenüberstehen, wie politische Vertreter ihres Landes. Ein ironisch-bitterer Kommentar über eine saturierte europäische Gesellschaft, der die Empathiefähigkeit abhandengekommen ist.

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Dokumentarfilm:  Garagenvolk
(Гаражане)
 Deutschland 2020, 95 min, OmU, Regie: Natalija Yefimkina

Was befindet sich in den Garagen im russischen Norden, wo sich zwischen Schnee und Beton unendliche Garagenfelder erstrecken? Natürlich keine Autos. Hinter rostigen Toren verbergen sich die geheimen Refugien des russischen Mannes als Projektionsflächen großer Träume.
Auf wenigen Quadratmetern entstehen alternative Lebensräume, Orte der Selbstverwirklichung und Zuflucht vor einem tristen Alltag jenseits des Polarkreises. Schrottsammler Ilja nutzt seine Garage als Werkstatt, Roman für seine Wachtelzucht, Pavel schnitzt Heiligenfiguren. Und Viktor hat seine in jahrzehntelanger Arbeit um vier unterirdische Stockwerke ergänzt. Die Garagen sind im Inneren so vielfältig wie die Träume ihrer Besitzer.
Der Dokumentarfilm der in Kiew geborenen Regisseurin zeigt witzige, unvorhersehbare, skurrile Szenen, die tragisch und heiter zugleich sind. Wir erhalten Einblick in einen exemplarischen, im Verborgenen liegenden Mikrokosmos. Der Rückzug ins Private als momentaner Gesellschaftszustand? Hier wird der Besitz gelagert, Kreativität und Eigenständigkeit gefeiert. Hier gibt es alles, und alles scheint möglich.

Am 10.11.2020 19:15 Uhr

Nach der Vorführung: В другой перспективе – Perspektivwechsel. Filmgespräch moderiert von Marina Scharlaj und Ilona Kunkel

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Slavistik der TU Dresden

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Out
(Out)
  Slowakei/Ungarn/Tschechien 2017, 88 min, OmU, Regie: György Kristóf

Ein Mann auf der Suche nach Arbeit und der Erfüllung seiner längst vergessenen Träume nutzt die Chance, ins Ausland zu gehen und gerät dabei in die seltsam absurden Ereignisse einer osteuropäischen Odyssee mit kaum mehr als seinem Schul-Russisch und einer alten Angelrute.
Nachdem der 50-jährige Familienvater Agoston, Teil einer ungarischen Minderheit, seinen Job in einer Fabrik in der Süd-Slowakei verloren hat, folgt er einem zwielichtigen aber verlockenden Angebot, als Schweißer in einer Werft in Lettland zu arbeiten. Die Reise – in der Hoffnung auf einen neuen Job – verwandelt sich in einen sich beschleunigenden Wirbelwind absurder Ereignisse von kurzen Begegnungen, neu gefundenen und wieder verlorenen Freundschaften, die Agoston all seinen Besitz und alles, was er einst für sein ganzes Leben hielt, entziehen. Agoston gibt jedoch seine Suche nach einem Einkommen nicht auf und beschließt, seinen Traum vom Fang eines großen Fisches zu verwirklichen.
Der Regisseur und Drehbuchautor György Kristóf sagt auf die Frage, warum der Film den Titel „Out“ hat: „Das war eine der ersten Ideen, sie steht auf der allerersten Seite meines Notizbuches. Sie definierte die Geschichte von Anfang an – ein Protagonist, der immer mehr und mehr aus der Gesellschaft aussteigt, ... aber vielleicht ist das für seine Ankunft notwendig.“

Deutsche Untertitelung: KinoFabrik e.V.

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Ich komme nicht zurück
(Я не вернусь)
Russland/Estland/Belarus/Kasachstan 2014, 110 min, OmU, Regie: Ilmar Raag

Anja möchte Karriere an der Universität machen, nicht zuletzt mit Hilfe einer Affäre mit ihrem Professor. Als ein früherer Freund Drogen bei ihr deponiert und die Polizei davon erfährt, steckt sie plötzlich in Schwierigkeiten. Sie versteckt sich in einem Waisenhaus, in dem sie früher selbst lebte. Hier lernt sie die jüngere Kristina kennen, die zu ihrer Großmutter nach Kasachstan will.
Gemeinsam reißen die beiden aus und begeben sich auf eine herausfordernde weite Reise, von Estland quer durch Russland. Anja zaudert anfangs, aber später ist sie entschlossen: „Ich komme nicht zurück“. Auf den endlosen Landstraßen entwickelt sich zögerlich eine Freundschaft zwischen den unterschiedlichen Waisenmädchen, sie stehen einander bei und fordern sich gegenseitig heraus. Beiden gemeinsam ist die verlorene eigene Kindheit und die wachsende Sehnsucht nach Familie, Heimat und Geborgenheit. Der Wunsch, die Großmutter zu umarmen, wird zum Ziel für beide.
Mit einer hervorragenden Kameraarbeit gelingt es Ilmar Raag, uns emotional an seine Protagonistinnen zu binden und so deren Suche nach einer heilen Familie mit zu durchleben. Sein Roadtrip führt durch raue Landschaften und Gefühlswelten und triumphiert nicht zuletzt dank seiner beiden wunderbaren jungen Schauspielerinnen.

Deutsche Untertitelung: Institut für Slavistik der TU Dresden

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Corpus Christi
(Boże Ciało)
Polen/Frankreich 2019, 116 min, OmU, Regie: Jan Komasa

Der 20-jährige Häftling Daniel lässt sich zwar im Gefängnis kaum eine Schlägerei entgehen, fällt aber beim Tischlern positiv auf. Während des Gottesdienstes findet er den Weg zum christlichen Glauben. Aufgrund seiner Straftaten kommt für den ambitionierten Neu-Christen allerdings keine Laufbahn als Priester in Frage. Als der junge Mann in ein Dorf geschickt wird, um dort in einem Sägewerk zu arbeiten, schlägt er dem Schicksal ein Schnippchen. Kurzerhand übernimmt Daniel die vakante Priester-Stelle und kümmert sich fortan um die kleine Gemeinde. Für diese ist die Ankunft des vermeintlichen neuen Pfarrers eine Chance, endlich ein traumatisches Ereignis hinter sich zu lassen. Sein unkonventioneller Stil kommt anfangs gut an, die Situation droht aber zu eskalieren, als er sich mit dem Bürgermeister anlegt.
Das Leben selbst liefert die besten Drehbücher, der Film beruht auf einer wahren Begebenheit. Emotional, einfühlsam und auch brutal wechselt der Fokus zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft. Vor allem der grandiose Hauptdarsteller Bartosz Bielenia bleibt im Gedächtnis – verletzlich und brutal, ehrlich und doch nicht alles preisgebend.

Am 15.11.2020 17:00 Uhr

Nach der Vorführung: Inna perspektywa – Perspektivwechsel. Filmgespräch moderiert von Bogumila Patyk-Hirschberger

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Slavistik der TU Dresden

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